Osnabrück:
Michael Schwager: Vorwurf: 1944 Massaker an italienischen Zivilisten. Freispruch für Osnabrücker. NOZ vom 29.10.2012 (Printausgabe). Online: http://www.noz.de/lokales/67446240/vorwurf-1944-massaker-an-italienischen-zivilisten
NDR 1 Niedersachsen: Kriegsverbrechen: Osnabrücker freigesprochen Online: http://www.ndr.de/regional/niedersachsen/emsland/kriegsverbrecher111.html
Stefan Prinz: Die späte Suche nach der Wahrheit. 93-Jähriger Osnabrücker angeklagt. NOZ vom 4.7.2011. Online: http://www.noz.de/artikel/55405546/die-spaete-suche-nach-der-wahrheit
Rainer Lahmann Lammert: „Die Geige aus Cervarolo“ im Osnabrücker Hasetor-Kino aufgeführt. Debatte über Kriegsverbrechen. NOZ vom 31.10.2012 (Printausgabe). Online: http://www.noz.de/lokales/67517993/die-geige-aus-cervarolo-im-osnabruecker-hasetor-kino-aufgefuehrt

Hamburg:

Sta­der Ta­ge­blatt vom 3.​12.​12:​

Aufs Grund­stück von Al­fred L. kamen sie nicht
De­mons­tra­ti­on in Har­se­feld

HAR­SE­FELD. „Kein Ver­ge­ben – kein Ver­ges­sen – Nie wie­der Fa­schis­mus“. Unter die­sem Motto stand die De­mons­tra­ti­on vom Sonn­abend in Har­se­feld, die sich gegen den Oh­ren­ser Al­fred L. rich­te­te. Die mit über 90 Teil­neh­mern größ­te De­mons­tra­ti­on, die Har­se­feld in den letz­ten Jah­ren er­lebt hat, ver­lief fried­lich.
Um 13 Uhr tru­del­ten die De­mons­tran­ten, die vor­wie­gend von au­ßer­halb nach Har­se­feld an­ge­reist waren, am Bahn­hof ein und for­mier­ten sich. Die Po­li­zei hatte mit einer Stär­ke von 100 Be­am­ten be­reits Po­si­ti­on be­zo­gen. Sie be­glei­te­ten die Kund­ge­bung, die an­ge­mel­det war und von 13 bis gegen 16 Uhr dau­er­te.
Die Teil­neh­mer zogen zu­nächst durch den gan­zen Ort und ver­kün­de­ten ihre Bot­schaft über das vor­ne­weg ge­tra­ge­ne Ban­ner und über einen Laut­spre­cher­wa­gen. Ihre Ak­ti­on rich­te­te sie gegen den ehe­ma­li­gen Förs­ter Al­fred L., der kürz­lich von einem ita­lie­ni­schen Mi­li­tär­ge­richt in Ab­we­sen­heit zu zwei­mal le­bens­läng­li­cher Haft ver­ur­teilt wor­den war. Dort galt es als er­wei­sen, dass sich L. als Mit­glied der Di­vi­si­on „Her­mann Gö­ring“ an Er­schie­ßun­gen in Ita­li­en be­tei­ligt hat, die als Mas­sa­ker an­ge­pran­gert wer­den. Von deut­schen Ge­rich­ten ist L. in die­ser Sache nicht be­hel­ligt wor­den.
Nach einer Kund­ge­bung im Orts­kern Har­se­felds, be­ga­ben sich die Teil­neh­me­rin­nen und Teil­neh­mer zu Fuß in das zwei Ki­lo­me­ter ent­fern­te Oh­ren­sen, um dort an der Kreis­stra­ße 46 ihre an­ge­mel­de­te und vom Land­kreis ge­neh­mig­te Kund­ge­bung ab­zu­hal­ten. Nach ei­ge­nen Aus­sa­gen woll­ten sie Al­fred L. „auf die Pelle“ rü­cken.
Dazu kam es nicht. An der Grund­stücksein­fahrt war Schluss. Die hat­ten Po­li­zis­ten ab­ge­rie­gelt. Vor­sorg­lich war die Kreis­stra­ße ge­sperrt wor­den, um den nor­ma­len Au­to­ver­kehr außen vor­zu­hal­ten, sagte Po­li­zei­pres­se­spre­cher Rai­ner Bohm­bach.
„Sie be­reu­en nichts und wir ver­ges­sen nichts“, hall­te es aus den Laut­spre­chern hin­über zum Wohn­haus von Al­fred L., der sich nicht bli­cken ließ. „Wir sind nicht zum letz­ten Mal hier“, hieß es wei­ter. Gegen 16 Uhr wurde die Kund­ge­bung von den Or­ga­ni­sa­to­ren für be­en­det er­klärt. Der De­mons­tra­ti­ons­zug zog wie­der Rich­tung Har­se­feld. „Außer ei­ni­gen Ver­kehrs­be­hin­de­run­gen, die von den be­trof­fe­nen Au­to­fah­re­rin­nen und Au­to­fah­rern ge­las­sen hin­ge­nom­men wur­den, ver­lie­fen die Ver­an­stal­tun­gen stö­rungs­frei“, bi­lan­zier­te die Po­li­zei. (ief)

Bux­te­hu­der Wo­chen­blatt

Pro­test­zug durch den Ort Ak­ti­vis­ten der an­ti­fa­schis­ti­schen Szene wol­len am Sams­tag in Har­se­feld de­mons­trie­ren
28. NO­VEM­BER 2012

jd. Har­se­feld.
Das be­schau­li­che Har­se­feld wird am kom­men­den Sams­tag, 1. De­zember, Schau­platz einer Demo sein: An­ti­fa­schis­ten aus dem Land­kreis sowie aus Ham­burg und Bre­men wol­len sich um 13 Uhr am Bahn­hof ver­sam­meln, um an­schlie­ßend auf einem Pro­test-​ marsch durch den Ort zu zie­hen. Mit der Kund­ge­bung soll laut Mit­tei­lung der Kam­pa­gne „Mai Piu Fa­scis­mo“ („Nie wie- der Fa­schis­mus“) an die ita­lie­ni­schen Opfer deut­scher Gräuel­ta­ten im Zwei­ten Welt- krieg er­in­nert wer­den.
sich be­reits per In­ter­net an den je­wei­li­gen Haupt­bahnhöfen ver­ab­re­det, um ge­mein­sa­men mit der Bahn nach Har­se­feld zu rei­sen.
Har­se­felds Samt­ge­mein­de-​ Bürger­meis­ter Rai­ner Schlicht­mann geht nicht davon aus, dass es auf der Demo zu Es­ka­la­tio­nen kom­men wird. „Ich sehe die Sache ge­las­sen“, erklärt der Rat­haus­chef, „jeder hat das Recht, fried­lich zu pro­tes­tie­ren.“ Er hält es aber für frag­lich, ob es im Fall Al­fred L. die „rich­ti­ge Re­ak­ti­on“ ist, zu des­sen Wohn­ort zu mar­schie­ren.

Mit­glie­der an­ti­fa­schis­ti­scher Grup­pen wol­len am kom­men­den Sams­tag in Har­se­feld de­mons­trie­ren
Har­se­feld wurde nicht ohne Grund aus­ge­wählt: In der Nähe wohnt der Ex-​Wehr­machts­an­gehörige Al­fred L. (87), der in Ita­li­en in Ab­we­sen­heit wegen Mas­sa­k­ern an Zi­vi­lis­ten ver­ur­teilt wor­den war. Ende Ok­to­ber wurde der Rich­ter­spruch, der auf zwei­mal le­bens­läng­lich lau­te­te, in zwei­ter In­stanz bestätigt (das WO­CHEN­BLATT be­rich­te­te).
Nach WO­CHEN­BLATT-​In­for­ma­tio­nen wird die De­mons­tra­ti­ons­rou­te zunächst in die Orts­mit­te führen. Da­nach soll es in Rich­tung Oh­ren­sen gehen, wo L. wohnt. Die Pro­test­ver­an­stal­tung, die ord­nungs­ge­mäß beim Land­kreis an­ge­mel­det wor­den ist, trägt das Motto „Kein Ver­ge­ben, kein Ver­ges­sen. Keine Ruhe für deut­sche Na­zi-​Kriegs­ver­bre­cher!“ Sie ist Teil einer bun­des­wei­ten Ak­ti­on. Ge­for­dert wird die Aus­lie­fe­rung ver­ur­teil­ter NS- Täter nach Ita­li­en.
Die Po­li­zei wird am Sams­tag auf jeden Fall Präsenz zei­gen. „Wir sind ent­spre­chend vor­be­rei­tet und haben alles im Blick“, erklärte Po­li­zei­spre­cher Rai­ner Bohm­bach auf WO­CHEN­BLATT-​ An­fra­ge. Wie­vie­le Be­am­te in Har­se­feld zu­sam­men­ge­zo­gen wer­den, will Bohm­bach al­ler­dings nicht ver­ra­ten.
Eben­so­we­nig gibt es sei­tens der Po­li­zei Auskünfte darüber, in­wie­weit mit der Teil­nah­me ge­walt­be­rei­ter Grup­pen aus der au­to­no­men Szene zu rech­nen ist. Die De­mons­tran­ten aus Ham­burg und Bre­men haben
Doch genau das ist of­fen­bar ge­plant: Man wolle Al­fred L. „in sei­ner un­ver­dien­ten Al- ters­ru­he stören“, heißt es sei­tens der De­mo-​Ver­an­stal­ter. Ge­plant sei, die Nach­barn über L.s Ver­gan­gen­heit zu in­for­mie­ren. Eine ähn­li­che Kund­ge­bung gab es im Juli 2011 in Ber­lin: Dort ver­hin­der­te die Po­li­zei, dass Dut­zen­de von An­ti­fa­schis­ten di­rekt vor dem Haus des ehe­ma­li­gen Wehr­machts-​ Haupt­manns Hel­mut O., einem da­ma­li­gen Mit­an­ge­klag­ten von Al­fred L., de­mons­trier­ten.

Stader Tageblatt 30.10.2012

Kriegsverbrecher-Urteil bestätigt

Berufungsgericht in Rom hält L. für einen Mörder – Staatsschutz eingeschaltet

BJÖRN VASELLANDKREIS. Der ehemalige Förster Alfred L. aus dem Landkreis Stade ist und bleibt für die italienische Justiz ein Kriegsverbrecher. Das Berufungsgericht in Rom hat am Freitag das Urteil in zweiter Instanz bestätigt. Wie berichtet, hatte das Militärgericht in Verona im Juli 2011 sieben ehemalige Angehörige der Fallschirm-Panzer-Division Hermann Göring in Abwesenheit zu lebenslanger Haft verurteilt. Auch die Richter in Rom sind überzeugt, dass L. an Massakern in Orten wie Monchio (136 Tote) und in Vallucciole (108 Tote) sowie in weiteren Ortschaften am Monte Falterona beteiligt war und ein Mörder ist. Neun Stunden hatten sich die Richter vor dem Urteil zur Beratung zurückgezogen.
Dass das Berufungsgericht nach der dreitägigen Verhandlung in Rom drei ehemalige Soldaten aus Berlin, aus Kiel und aus Osnabrück freigesprochen hat, „hat Entsetzen bei den Überlebenden der Massaker und ihren Angehörigen hervorgerufen“, sagt der Historiker und Prozessbeobachter Matthias Durchfeld vom Institut für die Geschichte des Widerstands in der Emilia („Istoreco“), „allerdings unterstreicht es auch die Ernsthaftigkeit des Revisionsverfahrens“. Im Zweifel für den Angeklagten, der Grundsatz gelte auch in Italien.
Staatsanwaltschaft, Gericht und Opferverbände kritisierten, dass die Angeklagten sich weiterhin weigerten, zur Aufklärung der Massaker an der Zivilbevölkerung im Frühjahr 1944 beizutragen und stattdessen am Korpsgeist der NS-Elitetruppe festhielten. Außerdem zeigten die ehemaligen Soldaten wie L. (87) keinerlei Reue, klagte Generalstaatsanwalt Antonio Sabino. Dieser hält auch die drei Freigesprochenen für schuldig und wird – wie die Pflichtverteidiger der drei Verurteilten – ein Revisionsverfahren vor dem obersten Kassationshof, vergleichbar mit dem Bundesgerichtshof, in Rom anstreben. Mit einem rechtskräftigen, letztinstanzlichen Urteil, das auch in Deutschland vollstreckt werden könnte, ist frühestens in einem Jahr zu rechnen; erst in 45 Tagen müssen die Militärrichter die schriftliche Begründung vorlegen.
„Ich bin unschuldig“, unterstrich L. am Montag gegenüber dem TAGEBLATT. Der Jäger und frühere Förster, der in einem Dorf auf der Stader Geest lebt, bestätigte, dass der Staatsschutz der Polizeiinspektion Stade ihm einen Besuch abgestattet hat. Mehr wollte der Jäger – seit 1942 in der Kreisjägerschaft – nicht sagen.
Im Rahmen der Gefahrenermittlung, so Polizeisprecher Rainer Bohmbach, habe der Staatsschutz mit ihm gesprochen. Der 87-Jährige hat mehr als zehn Waffen im Schrank stehen. Die Beamten hätten allerdings nicht den Eindruck gewonnen, dass Alfred L. auf Antifa-Demonstranten vor seiner Haustür schießen würde. Gleichwohl habe die Polizei den Landkreis Stade als zuständige Waffenbehörde eingeschaltet und um eine Zuverlässigkeitsprüfung nach Paragraf 5 des Waffengesetzes (WaffG) gebeten.
„Wir beobachten das Gerichtsverfahren sehr aufmerksam“, sagt der Erste Kreisrat Dr. Eckart Lantz. Laut Waffengesetz könne der Landkreis lediglich rechtskräftig Verurteilten den Waffenschein und die Jagdwaffen abnehmen. Wenn das oberste Berufungsgericht in Rom in dritter Instanz die Urteile bestätigt, könnte der Landkreis die entsprechenden Schritte einleiten.
Dass der frühere Feldwebel L. ins Gefängnis muss, ist nach Ansicht der Hamburger Rechtsanwältin Gabriele Heinecke, Anwältin des Verbandes der Opfer von Sant‘ Anna (560 Tote) nicht nur aufgrund seines Alters unwahrscheinlich. Bei ihrem Verfahren gibt es bereits seit 2007 ein rechtskräftiges Urteil in Italien; allerdings verschleppten deutsche Justiz, Ministerialbürokratie und Politik nicht nur bei diesem Fall den Strafvollzug. Heinecke: „Es fehlt der Wille, egal ob Schwarz, Rot oder Grün, diese Verbrechen in Deutschland zu sühnen.“
Land Niedersachsen zweifelt das Urteil von Rom an

„Für uns ist das Urteil kein rechtmäßiges Urteil“, sagt der Sprecher des Justizministers, Jörn Westermann. Zum einen sei das Urteil auch in zweiter Instanz in Abwesenheit gefällt, zum anderen nicht die individuelle Schuld festgestellt worden. Das entspreche nicht dem deutschen Recht. Für Justizminister Busemann (CDU) eignet sich das Strafrecht „nur bedingt zur Vergangenheitsbewältigung“, so der Minister auf eine Landtagsanfrage der Grünen Helge Limburg und Filiz Polat zur Strafverfolgung von NS-Kriegsverbrechern. Der Leiter der Zentralstelle für NS-Massenverbrechen in Dortmund, Staatsanwalt Andreas Brendel, teilt diese Rechtsauffassung mit Blick auf ein entsprechendes Urteil des Bundesgerichtshofes nicht. Italienische Urteile wie diese könnten durchaus in Deutschland vollstreckt werden.

Stader Tageblatt 13.10.2012

Kriegsverbrecher-Spur führt in den Kreis Stade

In Abwesenheit zu lebenslanger Haft und Entschädigungszahlungen verurteilt

LANDKREIS. Auf dieses Urteil hatten viele Opfer der Massaker der deutschen Wehrmacht in Italien mehr als 67 Jahre lang warten müssen: Am 6. Juli 2011 verurteilte das Militärgericht in Verona sieben ehemalige Angehörige der Fallschirm-Panzer-Division „Hermann Göring“ in Abwesenheit zu lebenslanger Haft – und Entschädigungszahlungen. Das Gericht war zu der Überzeugung gekommen, dass die Soldaten mit großer Grausamkeit im Frühjahr 1944 rund 400 Zivilisten in Italien ermordet haben. Einer der Verurteilten ist ein 87-Jähriger, der in einem Dorf im Landkreis Stade lebt. von BJÖRN VASEL
Das „Tribunale Militare“ verurteilte auch den früheren Förster und passionierten Jäger Alfred L. (87) aus dem Landkreis Stade zu zweimal lebenslanger Haft; der Mann war nach Auffassung der italienischen Justiz an Massakern in Orten wie Monchio (136 Tote) und in Vallucciole (108 Tote) sowie in weiteren Ortschaften am Monte Falterona beteiligt. Während der Prozessdauer waren drei Angeklagte gestorben, zwei wurden von den Richtern freigesprochen.
Die Ermittlungen hatten bereits sechs Jahre vorher begonnen. Deutsche Ermittlungsbehörden, darunter auch die Stader Staatsanwaltschaft, übergaben der Militärstaatsanwaltschaft in La Spezia und in Verona zahlreiche Unterlagen, unter anderem Kriegstagebücher und -karten, Unterlagen der Wehrmacht, aber auch seitenlange Protokolle der Vernehmungen der ehemaligen Soldaten. Die Ermittler stellten bei einer Hausdurchsuchung das Tagebuch des früheren Försters sicher. Außerdem wurden seine Telefonate im Jahr 2006 von der federführenden Staatsanwaltschaft Dortmund überwacht.
Durch die Abhöraktion und sichergestellte Unterlagen konnten die Ermittler nachweisen, dass L.s Einheit, die 4. Kompanie, an Erschießungen („blutige Rache“) beteiligt war. Unter anderem belastete die Frau eines der Abgehörten L. in einem Telefongespräch schwer, er sei „an der Erschießung von Frauen und Kindern beteiligt“ gewesen. In einer Passage spricht L. mit einem Kameraden davon, dass sie „beide wissen, was passiert ist“. Für die Richter in Italien reichten Indizien wie diese, um festzustellen, dass L. als Befehlsempfänger „effektiv“ dazu beigetragen habe, die Befehlskette einzuhalten – und damit „Beteiligter“ an der Erschießung von Zivilpersonen war.
Ob er selbst geschossen hat, ist für die Italiener nicht entscheidend. Anders ist dies in der deutschen Rechtsprechung. Hier muss ihm eine eigene Tatbeteiligung nachgewiesen werden.
Allerdings lässt das deutsche Strafrecht eine Übernahme von Urteilen anderer Länder zu. Gravierende Verstöße im Prozess könnte die deutsche Justiz einem EU-Staat kaum vorwerfen. Auch der Umstand, dass Alfred L. in Abwesenheit – das ist in Deutschland nicht möglich – verurteilt wurde, ändere daran nichts, so Staatsanwalt Andreas Brendel aus Dortmund mit Blick auf ein Urteil des Bundesgerichtshofes. Brendel ist Leiter der federführenden Zentralstelle in Nordrhein-Westfalen für die Bearbeitung von nationalsozialistischen Massenverbrechen. Auch hätten die Angeklagten über Anschreiben und Pflichtverteidiger ausreichend „rechtliches“ Gehör gefunden. Die Italiener könnten versuchen, die Haftstrafen in Deutschland vollstrecken zu lassen. Dazu müssten sie nur die Strafvollstreckungskammer der Landgerichte einschalten. Brendel hält das für möglich. Die Kammer würde nicht mehr die Inhalte prüfen, sondern allein den Umstand, ob die Straftat auch in Deutschland eine Straftat ist. Das ist bei Mord oder der Beihilfe dazu eindeutig.
Für eine eigene Strafverfolgung hatten die Dortmunder, auch nach Auswertung der Telefonüberwachung, „keinen hinreichenden Tatverdacht für eine Anklageerhebung gesehen“, sagte Brendel. Unstrittig sei, dass die Division „Hermann Göring“ diese Kriegsverbrechen begangen hat und an den Massakern beteiligt war. Das Problem der Ermittler: Aus den überwachten Telefongesprächen geht eindeutig hervor, dass sich die früheren Soldaten abgesprochen haben. Brendel spricht von einer „Wir-waren-nicht-beteiligt-Strategie“.
Alfred L. selbst hatte von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch gemacht und reiste auch nicht zum Prozess in Verona an – „auf Anraten meines Anwaltes“, betonte der 87-Jährige gegenüber dem TAGEBLATT. Er sei sich auch heute „keiner Schuld bewusst“, sonst hätte er mit seiner verstorbenen Frau nach dem Krieg nicht mehrfach Urlaub in Italien gemacht – auch in der Toskana. „Meine Geschichte interessiert niemanden.“ Das TAGEBLATT solle besser über die von den Briten mit 5000 KZ-Häftlingen an Bord im Mai 1945 versenkte Cap Arcona schreiben.
Im Gespräch mit dem TAGEBLATT spielt L. seine Rolle herunter. Er selbst sei „nur Gefreiter gewesen“ und nicht an der Erschießung von Frauen, Kindern und Alten beteiligt gewesen. Die Militärstaatsanwaltschaft führt ihn als Feldwebel in den Akten.
Während seine Kameraden die Massaker in den Bergdörfern verübten, habe er sich „aufgrund eines verletzten Fußes“ im Revier aufgehalten. Er habe während des Weltkrieges in Italien keine völkerrechtswidrigen Handlungen begangen. Lediglich bei einer Partisanenverfolgung will er dabei gewesen sein. Er selbst habe als Melder nur einen Karabiner gehabt und deshalb mit den MG-Schützen nicht mitgeschossen. Von der Erschießung wehrloser Zivilisten habe er damals nichts mitbekommen. Das Verfahren in Verona sei „unmöglich und allein politisch motiviert“ gewesen. Dass die Staatsanwaltschaft Dortmund kein Strafverfahren in Deutschland gegen Angehörige der Division eingeleitet habe, zeige, dass auch er unschuldig sei.
Alfred L. wird sich vermutlich nicht mehr für die ihm zur Last gelegten Kriegsverbrechen verantworten müssen. Ohnehin müssen die im Juli 2011 Verurteilten nicht mit einer Auslieferung rechnen. Deutschland liefert seine Bürger nur mit deren Zustimmung aus. In Rom wird am 24./25. Oktober das Berufungsurteil erwartet. Doch Prozessbeobachter gehen davon aus, dass das Verfahren noch in die dritte Instanz gehen wird. L. ist 87, andere über 90 Jahre alt.
Für die Opfer war der Prozess „sehr wichtig, endlich haben sie Gerechtigkeit erfahren“, betont der in Italien lebende Historiker Matthias Durchfeld vom Institut für die Geschichte des Widerstands in der Emilia (Istoreco). Er hatte mit dem Stader Antifaschisten Michael Quelle, der im Bildungsurlaub in der Reggio Emilia war, die Verbindung in den Kreis Stade entdeckt. Quelle hofft, „dass die Verurteilten sich der italienische Justiz stellen und bei der Berufungsverhandlung in Rom persönlich erscheinen.“
Überlebende hätten bedauert, dass keiner der Angeklagten im Gericht erschienen sei; ihnen sei es nicht vorrangig darum gegangen, die alten Männer im Gefängnis zu sehen. Vielmehr hätten die traumatisierten, oft verarmten Opfer und ihre Angehörigen ihnen Fragen stellen wollen, etwa „was in ihren Köpfen vorgegangen sei“. Nicht einmal eine Postkarte hätten sie den Opfern geschrieben. Selbst wenn sie die individuelle Tatbeteiligung leugneten, so hätten sie doch Worte des Bedauerns zu den unbeschreiblichen Verbrechen finden können. Prozessbeobachter Matthias Durchfeld ist, mit Blick auf 41 Verhandlungstage und das Strafmaß, weiter von Alfred L.s Schuld überzeugt.

Der Beteiligung am Massenmord schuldig

Italienisches Gericht hat Alfred L. verurteilt und beruft sich auf Telefonüberwachung und sein Tagebuch

VERONA. Das Militärgericht von Verona hat Alfred L. wegen Beteiligung am Massenmord am Monte Falterona vom 13. bis zum 18. April 1944 verurteilt. Das TAGEBLATT zitiert aus der (übersetzten) Urteilsbegründung:
Unter diesen Umständen können wir zweifelsfrei sagen, dass L. an den Massakern beteiligt war. Er handelte als Befehlsempfänger in ständigem Rapport mit den Kommandanten seines Zugs und seiner Gruppe und hat effektiv dazu beigetragen, die Befehlskette einzuhalten. (…)
Es drängt sich der Schluss auf, dass (…Alfred L.) willentlich, mit voller Mitwisserschaft und Zustimmung zu dem Massaker an der Zivilbevölkerung gehandelt hat.
Weiter heißt es:
Das Ausmaß des Massakers und seine Ausführung zeigen, dass die wahre Absicht von Hermann Görings Truppen war, verbrannte Erde zu hinterlassen, ihre Zielorte in ungeheure Friedhöfe zu verwandeln, die Wohnorte zu verwüsten und die Zivilbevölkerung auszulöschen.
Das Militärgericht beruft sich auch auf Alfred L.s Tagebuch. Mit Datum 18. April 1944 findet sich demnach folgender Eintrag:
Einsätze gegen die Banden in Florenz, Stia, Passo Consuma. Marschall Massakeers und Leutnant Domayer gefallen. Hinterhalt. Blutige Rache. Gefreiter Bernauer durch zwei Schüsse verletzt.
Eine wichtige Quelle sind die Telefonüberwachungen, die bei Alfred L. und anderen Angehörigen der Division „Hermann Göring“ durchgeführt wurden. Ein ehemaliger Vorgesetzter, Kommandant Hilmar L., belastet Alfred L. in einem Telefongespräch mit der Ehefrau eines anderen Kommandanten. Dazu heißt es im Urteil:
…er sagte, er habe Alfred L. gefragt, wie die Vergeltung für die Ermordung der zwei Kameraden durchgeführt worden sei. L.s Antwort ist eine klare und erbarmungslose Analyse des schrecklichen Blutbads: „Wir haben Frauen und Kinder erschossen, wir haben ohne Unterschied alles niedergemacht.“ (ari)

Fragen zum Prozess in Verona

Das TAGEBLATT beantwortet wichtige Fragen zum Verona-Prozess:
Warum haben die Angehörigen der Ermordeten erst im Juli 2011 Gerechtigkeit erfahren?
Erst bei dem Prozess gegen den SS-Führer Erich Priebke 1995 tauchten bei der Generalmilitärstaatsanwaltschaft 695 Akten über deutsche Kriegsverbrechen auf. In Italien wird vom „Schrank der Schande“ gesprochen. Die Akten waren im Kalten Krieg weggeschlossen worden. Der damalige italienische Verteidigungsminister mahnte den Außenminister in einem Brief 1956, keine Auslieferungsgesuche zu stellen, damit angesichts der Proteste gegen die Wiederbewaffnung in Deutschland kein Riss durch die Nato gehe; denn ein Großteil der Bundeswehrsoldaten hatte bereits im Krieg gedient.

Was war die Panzer-Division „Hermann Göring“?
Der Truppe gehörten 20 705 Männer an, sie war in Afrika, Italien und an der Ostfront im Einsatz. In Italien hinterließen ihre Einheiten eine blutige Spur. In Monchio wurden die Männer am 18. März 1944 erst auf einem Platz zusammengetrieben und dann mit MG-Salven niedergemäht. „Überlebende erzählten, dass die Erschießungsaktion von Musik aus einem erbeuteten Grammophon begleitet wurde“, sagt die Journalistin Marianne Wienemann, die den Prozess begleitet hat.
Die Truppe war nach der Landung der Alliierten auf dem Rückzug. Nach dem Seitenwechsel der Italiener Ende 1943 entwaffnete sie ihre ehemaligen Verbündeten. Auf dem Rückzug wurde die Division zur Bekämpfung der Partisanen eingesetzt. 1500 Zivilisten wurden von den nationalsozialistischen Elitesoldaten getötet. Viele hatten sich freiwillig zu dieser Division gemeldet, um nach dem Krieg in den Forstdienst zu kommen. Göring war Reichsjägermeister. Auch L. war „nahegelegt worden, sich dort zu melden“, um sich den Berufswunsch zu erfüllen.

Leben noch Zeitzeugen?
Ja. Die Film-Doku „Die Geige aus Cervarolo“ von Nico Guidetti und Matthias Durchfeld wird am Sonntag, 28. Oktober, 17 Uhr, im Metropolis in der Dammtorstraße in Hamburg gezeigt. Bei dem Massaker starben 1944 mehr als 150 Menschen. Filmemacher und Zeitzeugen sind dabei. (bv) (bv)

Kreiszeitung: als Link mit hinweis auf die letzte Seite

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